An der Goethekreuzung

Es gibt eine Straßenkreuzung hier in der Stadt, in der ich neulich lebe. Sie wurde nach Goethe benannt. Hier steige ich aus der Straßenbahn raus und steige in den 19-er oder 17-er Bus ein. Die bringen mich fast überall hin, wo ich hinfahren will.

Hier habe ich einen Arbeitskollegen, der genauso wie ich, aus Rumänien stammender Ungar ist, zum ersten Mal getroffen. Hier habe ich den ersten Menschen von Couchsurfing getroffen. Hier hat mich eine Tänzerin aus South Carolina gefragt, ob sie mit dem Mini-Ticket auch zum zweiten Mal fahren darf. Hier habe ich eine alte Frau, die zwei große Taschen trug, gefragt, ob ich ihr helfen kann. Seitdem begrüßen wir einander.

In dieser Kreuzung “wohnt” eine Zigeuner-Familie aus Ungarn, die ich jeden Tag sehe. Vater, Mutter und drei oder vier Kinder. Der größte ein etwa 12-jähriger Bub, die kleinste so ungefähr 3, aber sie spricht schon ganz verständlich die Kennwörter “bitte zwei cent” aus. Wenn sie gerade nicht betteln, spielen sie mit Rumänen vom gleichen Schlag. Am Wochenende spielten sie Fangspiel in der kleinen kurdischen Demonstration, zwischen bunten Fahnen, auf denen das Gesicht eines Türken/Kurden zu sehen war, und das Wort: “Partisan”. Ich stand neben einer afroamerikanischen Frau, betrachtete die Szene und bekam eine leichte Panik-Attacke. Solche Szenen fordern mich heraus. Stellen mich auf die Probe. Auf einmal dachte ich an Goethe, und, dass ich jetzt am liebsten bis Weimar laufen, die Tür seines kleinen weißen Hauses aufreißen und ihm weinend erzählen würde, was gerade in einer von ihm benannten Kreuzung in Österreich geschieht.

Der alte Goethe würde seinen Blick von seinem Buch heben, den Stirn kratzen, und sich fragen, welcher Wind diese unselige hierher gebracht hat. Dann würde er seinen Schreibfeder niederlegen und mir vorschlagen, wir sollen in seinen kleinen Garten rausgehen. Dort gibt es eine kleine, weiße Bank und ein Tisch, darauf Käse und italienischer Wein, von bestem Qualität, und wir sollen dort sprechen. Ich würde ihm wortlos folgen. Dann, auf der Bank sitzend, würde er mich fragen, was eigentlich mein Problem ist.

Das, dass an einer nach ihm benannter Straßenkreuzung die verschiedene Völker sich so sehr vermischen? Nein, es geht nicht darum.. Dann, vielleicht, dass ich mich unter so vielen verschiedenen Völkern verlassen und verloren und klein fühle? Habe ich Angst? Ja, ich habe ein wenig Angst, und ja, ich fühle mich verloren. Aber der alte Mann, vom Wein immer froher, weißt, dass die Diagnose noch immer nicht vollständig ist. Er trinkt noch einen Schluck aus dem starken, sizilianischen Rotwein und setzt fort:

Du bist sauer auf sie. Die Kurden, die Zigeuner aus Ungarn, die Rumänen und die schwarze Frau… Du lehnst sie ab, hältst sie für Parasiten, die am besten nach Hause gehen sollten. Habe ich Recht? Aber dein Problem ist nicht das. Dein Problem ist eher, dass sie dich an dich selber erinnern. Du siehst dich selbst in ihnen, dass du auch als Fremder in einem fremden Land lebst. Und das kannst du dir nicht vergeben. Sag mir, ist das dein Problem? Ich nicke und lasse meinen Kopf langsam auf seinen Schoß sinken.

Das Schlimmste, was einem passieren kann ist, dass er schlecht über sich selber denkt. Erstens einmal, du bist nicht ein Irrender. Du bist nicht hier, um zu betteln, und tust auch nicht demonstrieren. Wirfst nicht einmal eine Bananenschale weg, wo es nicht erlaubt ist. Du machst deine Arbeit und bist kein Parasit. Zweitens, hör auf damit, alles und jeden an seinen Platz richten zu wollen. Jeder entscheidet für sich selber, wo sein Platz auf dieser Welt sein soll. Auch die Kurden suchen ihren Platz. Du entscheidest nur darüber, wo dein Platz ist. Das kann eine Bank unter einem Weidenbaum sein. Oder die ganze Welt, wenn du willst. Und drittens… Du bist ein Reisender. Akzeptiere es, dass du während der Reise unterschiedlichen Menschen treffen wirst, und betrachte nie die Unterschiede zwischen ihnen… Betrachte einfach die Menschen.

Und, wenn ich dir noch einen Rat geben darf… Um das Meiste aus der Reise rauszuholen, schreib alles auf, was du siehst. Wie ich in Italien gemacht habe, erinnerst du dich noch? Dann gehe nach Hause, bau dir ein Haus mit Garten, das dich an die schönsten Orten deiner Reise erinnert, pflanze einen Baum, und wenn die Zeit kommt, in der du dessen Schatten genießen kannst, ruhe dich unter ihm aus, nimm deine Reisetagebücher aus der Schublade raus und erinnere dich an die Menschen, mit denen du einmal gemeinsam auf dem Weg warst. Wie ich hier, in meinem kleinen Toscana, in der Mitte Weimars.